Eine Frau schlägt einem Migranten in der U-Bahn eine Weinflasche über den Kopf. Die Frau ist Dolmetscherin in einer Asylbehörde. Im anschließenden Polizeiverhör versucht sie zu erklären, was sie zu dieser Tat getrieben hat. Während sie spricht, offenbart sich ihre Zerrissenheit zwischen Empathie und Abwehr, Überforderung und Wut, Wahrheit und Lüge.
Ausgangspunkt ist der Roman „Erschlagt die Armen!“ von Shumona Sinha, der seinerseits auf ein Prosagedicht von Charles Baudelaire zurückgeht.

Was geschieht mit Menschen, die vor Armut, Perspektivlosigkeit und existenzieller Not fliehen? Wer hat Anspruch auf Schutz? Wem wird geglaubt? Und welche Verantwortung tragen wir für Menschen, deren Lebensumstände wir kaum kennen?

Armut allein ist kein anerkannter Asylgrund. Doch wo verlaufen die Grenzen zwischen wirtschaftlicher Not, existenzieller Bedrohung und dem Recht auf Schutz? Hinter diesen Fragen stehen persönliche Schicksale, gesellschaftliche Erwartungen und ein System, in dem Worte und Entscheidungen weitreichende Folgen haben.
Die öffentliche Debatte über Migration ist zunehmend von Vereinfachungen, gegenseitigen Zuschreibungen und verhärteten Positionen geprägt. Mit „Erschlagt die Armen!“ möchten wir die Fragen, Widersprüche und unterschiedlichen Haltungen wieder in einen offenen Austausch bringen.

Ein Theaterabend über Armut, Flucht und das gesellschaftliche Spannungsfeld zwischen Eigenverantwortung, Mitgefühl und Solidarität.

Deine Gedanken werden Teil der Aufführung

Was würdest du entscheiden? Wie würdest du antworten? Und verändert sich deine Haltung, wenn du plötzlich eine andere Perspektive einnimmst?

Über dein Smartphone kannst du dich während der Aufführung anonym beteiligen. Du wirst eingeladen, Fragen zu beantworten, eigene Gedanken zu formulieren und unterschiedliche Rollen einzunehmen – etwa die eines Asylsuchenden, einer Dolmetscherin oder einer Richterin.

Deine Äußerungen fließen unmittelbar in das Bühnengeschehen ein. Sie erscheinen als Texte, Stimmen und digitale Bilder, begegnen den Figuren und den Gedanken der anderen Zuschauer.

Dabei können widersprüchliche Meinungen nebeneinanderstehen. Zweifel, Zustimmung, Ablehnung und Mitgefühl werden sichtbar.

Jede Aufführung entwickelt so ihre eigene Vielstimmigkeit. Die Gedanken der Anwesenden werden Teil der Dramaturgie und eröffnen neue Perspektiven auf die Fragen des Stücks.

Bring dein Smartphone mit und beteilige dich anonym am Bühnengeschehen.

Zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung

Eine Frau sitzt an einem Tisch im Verhörraum. Sie erzählt, erinnert sich, rechtfertigt sich, widerspricht sich. Um sie herum erscheinen Menschen auf großen Videoprojektionen: Polizeibeamte, Behördenmitarbeiter, ein Anwalt, eine Richterin und Asylsuchende.

Die Live-Performerin begegnet diesen Figuren in einem fließenden Wechsel aus Schauspiel, Tanz, Dialog und innerem Monolog. Bilder verändern sich, Figuren verwandeln sich, Erinnerungen und Gegenwart überlagern sich.

Mithilfe digitaler Technologien und Echtzeit-Deepfakes werden auch die Stimmen und Gedanken des Publikums in diese Bild- und Klangwelt eingebunden.

Die Inszenierung verbindet Literatur, eigene dokumentarische Erfahrungen und die Äußerungen der Zuschauer zu einer vielschichtigen Erzählung. Die Grenzen zwischen Bühnengeschehen, digitalem Bild und subjektiver Wahrnehmung geraten in Bewegung.

Hintergründe

Seit 2015 haben wir, Paula Scherf und André Lehnert, intensiv in der Flüchtlingshilfe gearbeitet. Wir haben Menschen bei Behördengängen, Asylanhörungen, Anwaltsgesprächen und Arztbesuchen begleitet und dabei die persönlichen Schicksale ebenso kennengelernt wie die Abläufe und Widersprüche des Asylsystems.

Aus dieser Zeit besitzen wir umfangreiche Aufzeichnungen und Erinnerungen, die wir für die Inszenierung künstlerisch verarbeiten.

Seit vielen Jahren beschäftigt uns außerdem die Frage, wie Theater zum Ort eines offenen gesellschaftlichen Austauschs werden kann. Dafür entwickeln wir eigene digitale Werkzeuge, mit denen Zuschauer unmittelbar in die Dramaturgie einbezogen werden können.

Mit „Erschlagt die Armen!“ führen wir diese Arbeit weiter. Gerade angesichts der zunehmenden Polarisierung der Migrationsdebatte interessiert uns, wie Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Überzeugungen wieder miteinander in einen differenzierten Austausch treten können.

Wie verändern sich unsere Urteile, wenn wir die Perspektive wechseln? Wie gehen wir mit Widersprüchen um? Und wie viel Verantwortung sind wir bereit, füreinander zu übernehmen?

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