Trailer

Die Geschichte

Zwei Störfälle an einem Tag. Eine kollektive und eine individuelle Katastrophe – Eine Explosion im Kernkraftwerk und eine riskante Operation am Gehirn des Bruders der Erzählerin. Wolfs Erzählung schildert den Einbruch des Unfaßbaren in das menschliche Leben.

Die Handlung beschränkt sich auf einen einzigen Tag, gefüllt mit alltäglichen Tätigkeiten in Haus und Natur. Die Gedanken umkreisen Ursachen und Folgen beider Störfälle, die das Potential haben, alles zu ändern. Große Fragen des Menschseins werden ganz nah am Individuum verhandelt.

„Haben uns unsere eigenen Wünsche an diesen Punkt gebracht? Hat unser übergroßer unbeschäftigter Gehirnteil sich in eine manischdestruktive Hyperaktivität geflüchtet und, schneller und schneller, schließlich – heute – in rasender Geschwindigkeit immer neue Phantasien herausgeschleudert, die wir, unfähig, uns zu bremsen, in Wunschziele umgewandelt und unserer Maschinenwelt als Produktionsaufgaben übertragen haben?“ (Christa Wolf - Störfall)

Störfall

Die Inszenierung

Die Inszenierung verwebt Hörspiel, Schauspiel, Tanz und Videokunst. Die Zuschauer:innen können ihre Gedanken mit dem eigenen Smartphone vor Ort live auf die Bühne schicken und so Teil der Inszenierung werden.

Auf der Bühne agiert eine Frau. Ihre Gedanken werden in einer Hörspiel artigen Mischung aus Text, O-Ton Nachrichten, Sound und Musik eingespielt. Alltägliche Handlungen der Protagonistin reiben sich an ihnen. Tanz und Spiel wechseln einander nahtlos ab und schaffen vielschichtige Assoziationsebenen. Sie stellt sich Fragen, richtet diese ans Publikum. Via Smartphone können die Zuschauer:innen ihre Gedanken teilen. Live und in Echtzeit werden sie auf die Bühne projiziert und von der Protagonistin improvisativ ins Bühnengeschehen eingeflochten.

„Unsere Kinder haben uns in dieses Stück geschickt...”
„...Großartig!”
(Zuschauerin)
„Das war alles plötzlich wieder da...”
„...Ich war damals 6 Jahre alt.”
(Zuschauer)
„Ich find’s toll, dass wir mitmachen können!”
(Jugendliche)
„Da gibt es sehr viele Parallelen zu heute.”
(Jugendliche)
„Das ist ja sehr poetisch. Tolle Bilder!”
(Jugendlicher)
„Das ist schon sehr nachvollziehbar dargestellt...”
„...wie es einem mit dem Ganzen manchmal geht.”
(Jugendliche)
„Hat mich sehr mitgenommen! Sehr anregend...”
„ ohne zu sehr in your face zu sein.”
(Zuschauerin)

Die Inszenierung entstand im Eindruck der Unwetterkatastrophen in NRW im Sommer 2021. Sie führen die Folgen des menschengemachten Klimawandels nun direkt vor unsere Haustür. Sie offenbaren die Notwendigkeit, umzudenken und umfassende Veränderungen von Handlungsmaximen zu verwirklichen. Sind Politiker bereit, „nur weil jetzt ein solcher Tag ist“ (A. Laschet), die Politik zu ändern?

Und die einzelnen Menschen? Fühlen sie sich verantwortlich? Welche Anstrengungen sind sie bereit, auf sich zu nehmen? Welche Wirksamkeit kann das Indivuum überhaupt erzielen? Ist der Mensch, der menschliche Geist, das menschliche Gehirn überhaupt in der Lage, im Einklang mit der eigenen Spezies, der Umwelt zu leben?

Im Text Christa Wolfs, der im Eindruck des Super-Gaus in Tschernobyl entstand, fanden wir in dem Motiv des "Blinden Flecks" den Anknüpfungspunkt zu heutigen Debatten.

Die Bedrohung nicht im äußeren Feind sehen, sondern „im eigenen Innern. - der eigenen Wahrheit ohne Angst ins Gesicht sehen.“ Ist dies die „allerutopischste von allen Utopien?“ (C.W.)

Die Erzählung - entstanden im kalten Krieg - ist mehr als aktuell. Noch im Laufe unserer ersten Spielblöcke 2021/22 hat die Thematik an Relevanz gewonnen. Atomkraft wurde jüngst von der EU als "nachhaltig" eingestuft. Putins Krieg in der Ukraine verschärft die Frage nach der Notwendigkeit der "friedlichen Nutzung von Atomkraft".

Das Stück bietet Zuschauer:innen verschiedener Generationen eine ästhetisch und inhaltlich komplexe Plattform für gesellschaftlichen Diskurs.

Fotos

Presse

Theater Pur | Dietmar Zimmermann, 03.12.21
Ein großartiger, nachdenklicher Text vom Band, eine überzeugende Bebilderung durch eine Tänzerin sowie eine Video- und Sound-Collage - und dazu Live-Kommentare aus dem Publikum. Ein großer Abend im kleinen Theater Tiefrot.
Theatermail NRW | Dietmar Zimmermann, 03.12.21
Nachdenken von Christa W.: über den Nutzen und die Gefährdung durch die Atomforschung, über den Fortschrittswillen und die Verantwortungslosigkeit der Menschheit, über die Lust an Spaltung und Zertrümmerung, Feuer und Explosionen. Nachdenken über unseren eigenen Lebensstil: Was können wir uns ohne schlechtes Gewissen erlauben?

Paula Scherf tanzt und verschränkt die Arme vor den Augen. Hinsehen oder Weggucken? — Der Chronist empfiehlt: Angucken!
Choices | Thomas Dahl, 29.11.21
Die kritische Situation für einen nahestehenden Menschen und die Frage nach den Auswirkungen des Reaktorunfalls vernetzen sich zu einem unkontrollierbaren Sinnen-GAU, der die Dämme des Verstands überflutet.

… die Performance erschöpft sich nicht im Monolog. Mittels Freischaltung in den Theater-Server erhalten die Zuschauer:innen Möglichkeiten, sich in das Stück einzubringen. Fragestellungen auf einer transparenten Leinwand fordern zur Interaktion auf…

Neben einer progressiven Dramaturgie begeistert die Inszenierung durch das Spiel: Paula Scherfs durchdringende Mimik und ihr graziler Tanz übersetzen die Schreie einer erschütterten Seele nach Demut im Angesicht eines kosmischen Mysteriums namens Leben.
O-Ton Magazin | Michael S. Zerban, 27.11.21
Das ist kein gutes, das ist grandioses Theater.

Über die Parallelen zur Neuzeit braucht hier niemand ein Wort zu verlieren. Die liegen nach der Aufführung so offen zutage…

Das Ungeheuerliche, die Bedrohung des Nicht-Wissens zu vermitteln, ist Aufgabe eines einzigen Menschen. Und der Tänzerin und Choreografin Paula Scherf gelingt das brillant…

Ihr Tanz, mit dem sie sich vor der Katastrophe schützen will, ist so fantasievoll wie exaltiert, zu überwiegenden Teilen Improvisation, die sie nach den eingehenden Kommentaren aus dem Publikum erfindet.

Scherf und Lehnert gelingt hier ein Stück in einer passenden Umgebung, das mehr als fesselt. Wenn es in diesem Jahr nicht mindestens über eine Nominierung für den Kölner Theaterpreis hinausgeht, muss Schiebung im Spiel sein. Dringende Besuchsempfehlung.

Besetzung

Regie | Video | Sound | Programmierung | Licht André Lehnert
Choreografie | Tanz | Schauspiel | Sprecherin Paula Scherf
Textfassung | Ausstattung Paula Scherf & André Lehnert
Assistenz Taeyeon Kim
Assistenz Bühnenbau Mohammad Ahrari
Assistenz Licht Emil Lehnert
Recherche | Mitarbeit Programmheft Thomas Hupfer
Musik Franz Schubert, Bertolt Brecht, Jacaszek, Hania Rani, Ben Frost, Ludwig van Beethoven, Emil Lehnert
Produktion disdance project gUG
Störfall

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